Resilienzanalyse des Geschäftsmodells nach der 9. MaRisk-Novelle
Die 9. MaRisk-Novelle verpflichtet Institute erstmals ausdrücklich zur Durchführung von Resilienzanalysen. Ziel ist es, die Widerstandsfähigkeit des Geschäftsmodells gegenüber langfristigen ESG-, Klima- und Umweltentwicklungen zu bewerten und die Ergebnisse in Strategie- und Steuerungsprozesse einzubeziehen.

Mit der 9. MaRisk-Novelle hat die Aufsicht die Anforderungen an die Berücksichtigung von ESG-Risiken erneut konkretisiert. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der langfristigen Widerstandsfähigkeit von Geschäftsmodellen.
Erstmals wird in AT 4.3.3 Tz. 7 MaRisk ausdrücklich die Durchführung von Resilienzanalysen gefordert. Diese sollen den überwiegend kurzfristigen Betrachtungshorizont klassischer Stresstests ergänzen und die Auswirkungen von Umweltveränderungen – insbesondere ESG-Risiken sowie klima- und umweltbezogenen Entwicklungen – über einen langfristigen Zeithorizont analysieren. Die Ergebnisse sind anschließend angemessen bei der Analyse des Geschäftsmodells und bei der Festlegung der Strategie zu berücksichtigen.
Für viele Institute stellt sich damit nicht mehr die Frage, ob eine Resilienzanalyse durchgeführt werden sollte, sondern vielmehr wie diese methodisch sinnvoll und aufsichtskonform umgesetzt werden kann.
Was genau ist eine Resilienzanalyse?
Während klassische Stresstests typischerweise kurzfristige Schocks und deren Auswirkungen auf Kapital, Liquidität oder Ergebnis betrachten, verfolgt die Resilienzanalyse einen deutlich langfristigeren Ansatz.
Die zentrale Fragestellung der Resilienzanalyse
Wie robust ist das heutige Geschäftsmodell der Bank unter veränderten ökonomischen, regulatorischen, technologischen und ökologischen Rahmenbedingungen?
Hierzu sollen verschiedene plausible Zukunftsszenarien betrachtet werden. Die MaRisk sehen dabei insbesondere ein Referenzszenario sowie mindestens ein adverses Szenario vor, anhand derer die Auswirkungen auf das Institut analysiert werden.
Die Resilienzanalyse ist damit weit mehr als eine regulatorische Pflichtübung. Sie stellt ein strategisches Instrument dar, um die Zukunftsfähigkeit des Instituts besser einschätzen zu können.
Die Herausforderungen in der Praxis
Unsere Erfahrungen aus Projekten mit Genossenschaftsbanken zeigen, dass sich viele Institute bereits intensiv mit ESG-Risiken beschäftigt haben: ESG-Risikoinventuren wurden durchgeführt, erste ESG-Risikotreiber identifiziert und Klimarisiken in das Risikomanagement integriert.
Dennoch beobachten wir häufig, dass eine umfassende Resilienzanalyse bislang noch nicht vorliegt. Das überrascht kaum. Die Anforderungen sind neu und werfen zahlreiche methodische Fragen auf:
- Welche Szenarien sollten genutzt werden?
- Welche ESG-Risikotreiber sind langfristig besonders relevant?
- Wie lassen sich Auswirkungen auf das Kreditportfolio bewerten?
- Welche Wechselwirkungen ergeben sich für Ertragsquellen und Geschäftsbereiche?
- Wie kann die Analyse angemessen dokumentiert und in die Strategie integriert werden?
Insbesondere die langfristige Perspektive stellt viele Institute vor neue Herausforderungen. Während für klassische Risikomodelle häufig belastbare historische Daten vorliegen, erfordert die Resilienzanalyse eine deutlich stärkere Orientierung an Szenarien und Zukunftsannahmen.
Warum die Resilienzanalyse gerade für Genossenschaftsbanken wichtig ist
Die genossenschaftliche FinanzGruppe zeichnet sich durch ihre starke regionale Verankerung aus. Gerade deshalb können langfristige ESG-Entwicklungen erhebliche Auswirkungen auf Geschäftsmodell und Kreditportfolien haben.
Beispielsweise können sich ergeben:
- Veränderungen von regionalen Wirtschaftsstrukturen,
- steigende Transformationsanforderungen für Firmenkunden,
- Auswirkungen des Klimawandels auf Immobilienwerte,
- neue regulatorische Anforderungen an Kundinnen und Kunden und Kreditnehmer,
- veränderte Finanzierungsbedarfe im Zuge der nachhaltigen Transformation.
Eine Resilienzanalyse hilft dabei, solche Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und deren Auswirkungen auf das eigene Institut strukturiert zu bewerten. Dadurch entsteht nicht nur mehr Transparenz über potenzielle Risiken, sondern auch über mögliche Geschäftschancen.


Unser Ansatz zur Durchführung von Resilienzanalysen
Aus unserer Sicht sollte eine belastbare Resilienzanalyse vier zentrale Elemente umfassen:
1. Identifikation relevanter ESG-Risikotreiber
Im ersten Schritt werden die wesentlichen physischen und transitorischen ESG-Risikotreiber identifiziert und mit den Ergebnissen der ESG-Risikoinventur verknüpft.
Hierzu zählen beispielsweise:
- Klimarisiken,
- finanzierte Emissionen,
- Energiepreisentwicklungen,
- regulatorische Veränderungen,
- Biodiversitätsrisiken,
- sektorale Transformationsrisiken.
2. Entwicklung geeigneter Szenarien
Anschließend werden geeignete Zukunftsszenarien definiert. Dabei unterscheiden wir typischerweise zwischen einem Basisszenario und mindestens einem adversen Szenario.
Die Szenarien basieren auf wissenschaftlichen und regulatorischen Annahmen und werden auf die individuelle Situation des Instituts übertragen.
3. Analyse der Auswirkungen auf das Geschäftsmodell
Auf Basis dieser Szenarien erfolgt die Bewertung möglicher Auswirkungen auf:
- Kundenstrukturen,
- Kreditportfolio,
- Ertragsquellen,
- Risikosituation,
- strategische Positionierung der Bank.
Ziel ist es, potenzielle Verwundbarkeiten und Anpassungsbedarfe frühzeitig zu identifizieren.
4. Verknüpfung mit Strategie und Steuerung
Im letzten Schritt werden die Ergebnisse in bestehende Strategie-, Risiko- und Steuerungsprozesse integriert.
Denn genau dies fordert die Aufsicht ausdrücklich: Die Erkenntnisse aus der Resilienzanalyse sollen nicht isoliert betrachtet, sondern bei der Geschäftsmodellanalyse und Strategiefestlegung berücksichtigt werden.
Unser Fazit
Die Resilienzanalyse wird mit der 9. MaRisk-Novelle zu einem neuen zentralen Baustein des ESG-Risikomanagements. Viele Institute haben bereits wichtige Vorarbeiten geleistet. Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass die konkrete Durchführung einer Resilienzanalyse häufig noch aussteht.
Dabei bietet die Analyse weit mehr als die Erfüllung aufsichtsrechtlicher Anforderungen. Sie ermöglicht einen strukturierten Blick auf die langfristige Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells und schafft eine fundierte Grundlage für strategische Entscheidungen.
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